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Offener Brief, Akademischer Frühschoppen in Romrod

Sehr geehrte Frau Dr. Richtberg,

es ist inzwischen viel Wasser die Schwalm herunter geflossen bis man in Alsfeld entschied, sich vom Akademischen Frühschoppen zu trennen. Dass dieser nun in Romrod unter ihrer Schirmherrschaft wiederbelebt wird, ist doch sehr wunderlich.

Besagter akademischer Frühschoppen als Treffen der studentischen Burschenschaften und Verbindungen fand in Alsfeld seit 1953 statt.

Für die Alliierten waren die Beteiligung der Korporationen an der Zerstörung der Weimarer Republik und ihre Verstrickung mit dem Nazi-Regime offenkundig und erwiesen. Entsprechend wurden diese Gruppierungen nach 1945 zunächst verboten.

1947 hieß es in einem Beschluss des Senats der Universität Tübingen : „Im Bilde der kommenden studentischen Gemeinschaften wird kein Platz mehr sein für die Veranstaltung von Mensuren, die Behauptung und Herausstellung eines besonderen studentischen Ehrbegriffs, die Abhaltung geistloser und lärmender Massengelage, die Ausübung einer unfreiheitlichen Vereinsdisziplin und das öffentliche Tragen von Farben.“ Dieser Erklärung hatte sich 1949 die Westdeutsche Rektorenkonferenz angeschlossen.

Kein Wunder also, dass die Verbindungsherrschaften an den Universitäten geächtet nach Unterschlupf in kleinen Städtchen wie Alsfeld suchten und dort teilweise fanden.

Noch heute pflegen etliche Gruppierungen der akademischen Burschenschaften und Verbindungen völkische Ideen, sind in erheblichen Teilen rassistisch und antisemitisch eingestellt und nicht wenige dieser Gruppierungen sind mit dem rechtsextremistischen Milieu und der NPD verwoben.

Manche Kommunalpolitiker meinen zwar, dessen ungeachtet handle es sich beim akademischen Frühschoppen um eine gänzlich unpolitische Veranstaltung. Doch wenn die Herrschaften in ihrer ganzen Pracht und Herrlichkeit in Farben, Kappen und Uniform auflaufen, verkörpern sie nach eigenem Anspruch ein umfassendes Lebensgefühl und demonstrieren es. Immerhin halten verschiedene deutsche Gerichte heute schon das Tragen eines Kopftuches für eine Demonstration, sollte das bei der Staffage der Verbindungen etwa völlig anders sein?

Sehr geehrte Frau Dr. Richtberg! Bei dem Ruf, der den akademischen Burschenschaften und Verbindungen anhaftet, hätte man nicht von städtischer Seite die Schirmherrschaft für deren Treffen in Romrod übernehmen sollen.





Mit freundlichen Grüßen

Michael Riese
Kreistagsabgeordneter